Herta Müller: „Fremdenfeindlichkeit im Osten“ ist Vermächtnis des Sozialismus

Herta Müller beim Literaturfest München 2016 | Bild: CC-BY-SA 4.0, Heike Huslage-Koch

Für die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist „die Fremdenfeindlichkeit im Osten“ ein Vermächtnis, das „aus dem Sozialismus mitgeschleppt“ wurde und heute als unerträgliches Selbstmitleid kultiviert werde. Die in Rumänien aufgewachsene Schriftstellerin sagt in der Wochenzeitung DIE ZEIT: „Selbstmitleid ist immer abgrenzend, es ist eine Art umgekehrte Arroganz.“ Das „herausstechendste Merkmal jeder Diktatur“ aber sei Angst. „Die wird einem für immer mitgegeben. Man begreift schon als Kind, dass etwas nicht stimmt. (…) Diese Kindheit der Angst vergisst man nicht,“ erklärt Müller im ZEIT-Gespräch mit dem angesehenen polnischen Historiker Włodzimierz Borodziej.

Borodziej hingegen hat im wirtschaftlich stabileren Polen „keine Spur von Unterdrückung erlebt.“ Er schreibt Polen zwar ein tradiertes Gefühl der Rückständigkeit zu, doch weist er Spätfolgen des Sozialismus zurück: „Der Ostblock ist doch bereits vor 28 Jahren zusammengebrochen.“ Ausländerfeindlichkeit lasse sich vielmehr durch tiefe Enttäuschung erklären. So habe man in Polen „zunächst an einen westdeutschen Ablauf der Geschichte“ samt Wirtschaftswunder, Wohlstand und stabiler Demokratie geglaubt: „Das hat sich seit 2010 als Illusion herausgestellt. Das Wirtschaftswachstum korrespondiert nicht unbedingt mit wünschenswerten mentalen Einstellungen.“

Besinnung auf das Eigene sei nach Borodziej keine allein Osteuropa betreffende Entwicklung, da überall die „alten Demokratien“ durch die globalisierte Wirtschaft unter Druck geraten: „Überall haben wir es mit Nativismus zu tun. Es wird angenommen: Das unsrige ist in Gefahr! Sei es durch den Strukturwandel der Wirtschaft oder eben in Gestalt von Flüchtlingen. Man setzt wieder auf das Schweineschnitzel, nicht auf Kebab.“

Quelle:  www.zeit.de/vorabmeldungen.

Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart – Eine Literaturgeschichte von einem Literaten!

Der Stil ist modern (für die PD), persönlich und amüsant zu lesen, z.B. „Er ist kein großer Dichter, aber ein Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: […]“
1 – Einführung
2 – Nibelungen, Walter von der Vogelweide
3 – Hans Sachs, Martin Luther, Andreas Gryphius, Christoph von Grimmelshausen
4 – Lessing, Klopstock
5 – Schiller, Goethe
6 – Arnim, Brentano
7 – Heine, Mörike
8 – Keller, Fontane, Storm
9 – Morgenstern, Trakl
Die einzelnen Abschnitt behandeln neben diesen berühmten Autoren auch die jeweiligen Zeitgenossen.
Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde (Hörbuch) Klabund

GEORG-BÜCHNER-PREIS AN JAN WAGNER

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Georg-Büchner-Preis 2017 an den Lyriker Jan Wagner. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird am 28. Oktober 2017 in Darmstadt verliehen.

Begründung der Jury:

Jan Wagners Gedichte verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz. Entstanden im Dialog mit großen lyrischen Traditionen, sind sie doch ganz und gar gegenwärtig. Seine Gedichte erschließen eine Wirklichkeit, zu der Naturphänomene ebenso gehören wie Kunstwerke, Sujets der Lebens- wie der Weltgeschichte, erste Fragen und letzte Dinge. Aus neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen, mit einem Gespür für untergründige Zusammenhänge und mit einer unerschöpflichen Phantasie lassen sie Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal. Für diese poetische Sprachkunst, die unsere Wahrnehmung ebenso schärft wie unser Denken, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2017 an Jan Wagner.

Jan Wagner, geboren am 18.10.1971 in Hamburg und aufgewachsen in Ahrensburg/Schleswig-Holstein, lebt seit 1995 in Berlin. Sein Werk umfasst Gedichtbände, Essays und Kritiken, Anthologien und Übersetzungen zeitgenössischer englischsprachiger Lyrik. Seine Gedichte wurden in rund dreißig Sprachen übersetzt; er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wilhelm-Lehmann-Preis 2009, dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2011, dem Kranichsteiner Literaturpreis 2011 und dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik 2015.

Jan Wagner studierte Anglistik an der Universität Hamburg, am Trinity College in Dublin und an der Humboldt-Universität Berlin. 2001 erschien mit »Probebohrungen im Himmel« sein lyrisches Debüt. Es folgten die von der Literaturkritik viel beachteten Gedichtbände »Guerickes Sperling« 2004, »Achtzehn Pasteten« 2007, »Australien« 2010 und »Die Eulenhasser in den Hallenhäusern« 2012. 2014 veröffentlichte er die »Regentonnenvariationen«, für die er den Leipziger Buchpreis erhielt; zum ersten Mal ging dieser Preis an einen Lyriker. Im letzten Jahr erschien »Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001-2015«.

Begleitend zu seinem lyrischen Werk ist ein vielseitiges essayistisches entstanden. Im Frühjahr 2017 erschien die Prosasammlung »Der verschlossene Raum«, zuvor 2011 »Die Sandale des Propheten«. Hervorgetreten ist Jan Wagner auch als Übersetzer englischsprachiger Lyrik – darunter von James Tate, Matthew Sweeney, Simon Armitage und Robert Robertson – ebenso als Herausgeber: Von 1995 bis 2003 gab er gemeinsam mit Thomas Girst die Literaturschachtel »Die Außenseite des Elements« heraus, eine Loseblatt-Anthologie zur zeitgenössischen Weltpoesie. 2003 und 2008 folgten umfassende Sammlungen junger deutschsprachiger Lyrik zusammen mit Björn Kuhligk (»Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen« und »Lyrik von Jetzt zwei«).

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Der Literaturclub vom 23.05.17

Der Literaturclub vom 23.05.17

Es nehmen teil: Nicola Steiner, Elke Heidenreich, Philipp Tingler und Dani Levy.

Themen der Sendung:
Karine Tuil – Die Zeit der Ruhelosen
Donna Tartt – Der Distelfink
J.M. Coetzee – Ein Haus in Spanien
Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene
Empfehlungen der Kritiker
Wieder einmal Michael Fehr

Jahresrückblick 2016: Literatur

Schriftsteller und Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises 2016 Najem Wali stellt in diesem literarischen Jahresrückblick auf 2016 Anne Kathrin Thüringer seine Lieblingsbücher des Jahres vor. Fremde, die Angst vor ihnen und wie man damit verantwortungsvoll umgeht, war für ihn eins der großen Themen der Literatur 2016. Außerdem spricht der Verleger Andreas Rötzer über die großen Ereignisse in der deutschen Verlagsbranche 2016, die Reform des Urheberrechts sowie das VG Wort-Urteil.

SRF-Literaturclub im Monat April

Der Literaturclub vom 18.04.2017

Es nehmen teil: Nicola Steiner, Rüdiger Safranski, Philipp Tingler und Peter Kurer.

Themen der Sendung:

Peter Kurer und der Banker als Leser
Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind
Adolf Muschg – Der weisse Freitag
Michael Fehrs Einlage
Ingeborg Bachmann – Male oscuro
Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen
Empfehlungen der Kritiker
Michael Fehrs zweiter Auftritt

Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows

Walter Benjamin: Der Erzähler

I. Der Erzähler – so vertraut uns der Name klingt – ist uns in seiner lebendigen Wirksamkeit keineswegs durchaus gegenwärtig. Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes. Einen Lesskow als Erzähler darstellen heißt nicht, ihn uns näher bringen, heißt vielmehr den Abstand zu ihm vergrößern. Aus einer gewissen Entfernung betrachtet gewinnen die großen einfachen Züge, die den Erzähler ausmachen, in ihm die Oberhand. Besser gesagt, sie treten an ihm in Erscheinung, wie in einem Felsen für den Beschauer, der den rechten Abstand hat und den richtigen Blickwinkel, ein Menschenhaupt oder ein Tierleib erscheinen mag. Diesen Abstand und diesen Blickwinkel schreibt uns eine Erfahrung vor, zu der wir fast täglich Gelegenheit haben. Sie sagt uns, daß es mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht. Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können. Immer häufiger verbreitet sich Verlegenheit in der Runde, wenn der Wunsch nach einer Geschichte laut wird. Es ist, als wenn ein Vermögen, das uns unveräußerlich schien, das Gesichertste unter dem Sicheren, von uns genommen würde. Nämlich das Vermögen, Erfahrungen auszutauschen. Eine Ursache dieser Erscheinung liegt auf der Hand: die Erfahrung ist im Kurse gefallen. Und es sieht aus, als fiele sie weiter ins Bodenlose. Jeder Blick in die Zeitung erweist, daß sie einen neuen Tiefstand erreicht hat, daß nicht nur das Bild der äußern, sondern auch das Bild der sittlichen Welt über Nacht Veränderungen erlitten hat, die man niemals für möglich hielt. Mit dem Weltkrieg begann ein Vorgang offenkundig zu werden, der seither nicht zum Stillstand gekommen ist. Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, daß die Leute verstummt aus dem Felde kamen? Nicht reicher – ärmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre später in der Flut der Kriegsbücher ergossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkwürdig. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändet geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.

II. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben. Und unter denen, die Geschichten niedergeschrieben haben, sind es die Großen, deren Niederschrift sich am wenigsten von der Rede der vielen namenlosen Erzähler abhebt. Im übrigen gibt es unter den letzteren zwei, freilich vielfach einander durchdringende Gruppen. Auch bekommt die Figur des Erzählers ihre volle Körperlichkeit nur für den, der sie beide vergegenwärtigt. „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“, sagt der Volksmund und denkt sich den Erzähler als einen, der von weither kommt. Aber nicht weniger gern hört man dem zu, der, redlich sich nährend, im Lande geblieben ist und dessen Geschichten und Überlieferungen kennt. Will man diese beiden Gruppen in ihren archaischen Stellvertretern vergegenwärtigen, so ist die eine im seßhaften Ackerbauer und die andere im handeltreibenden Seemann verkörpert. In der Tat haben beider Lebenskreise gewissermaßen ihren eigenen Stamm von Erzählern hervorgebracht. Jeder von diesen Stämmen wahrt einige seiner Eigenschaften noch in späten Jahrhunderten. So gehen, unter den neueren deutschen Erzählern, die Hebel und Gotthelf aus dem ersten, die Sealsfield und Gerstäcker aus dem zweiten herovr. Im übrigen aber handelt es sich bei jenen Stämmen, wie gesagt, nur um Grundtypen. Die reale Erstreckung des Reiches der Erzählungen in seiner ganzen historischen Breite ist nicht ohne die innigste Durchdringung dieser beiden archaischen Typen denkbar. Eine solche Durchdringung hat ganz besonders das Mittelalter in seiner Handwerksverfassung zustande gebracht. Der seßhafte Meister und die wandernden Bruschen werkten in den gleichen Stuben zusammen; und jeder Meister war Wanderbursche gewesen, bevor er in seiner Heimat oder in der Fremde sich niederließ. Wenn Bauern und Seeleute Altmeister des Erzählens gewesen sind, so war der Handwerksstand seine hohe Schule. In ihm verband sich die Kunde von der Ferne, wie der Vielgewanderte sie nach Hause bringt, mit der Kunde aus der Vergangenheit, wie sie am liebsten dem Seßhaften sich anvertraut. […]

IV. […] Die Kunst des Erzählens neigt ihrem Ende zu, weil die epische Seite der Wahrheit, die Weisheit, ausstirbt. Das aber ist ein Vorgang, der von weither kommt. Und nichts wäre törichter, als in ihm lediglich eine „Verfallserscheinung“, geschweige denn eine „moderne“, erblicken zu wollen. Vielmehr ist es nur eine Begleiterscheinung säkularer geschichtlicher Produktivkräfte, die die Erzählung ganz allmählich aus dem Bereich der lebendigen Rede entrückt hat und zugleich eine neue Schönheit in dem Entschwindenden fühlbar macht.

V. Das früheste Anzeichen eines Prozesses, an dessen Abschluß der Niedergang der Erzählung steht, ist das Aufkommen des Romans zu Beginn der Neuzeit. Was den Roman von der Erzählung (und vom Epischen im engeren Sinne) trennt, ist sein wesentliches Angewiesensein auf das Buch. Die Ausbreitung des Romans wird erst mit Erfindung der Buchdruckerkunst möglich. Das mündlich Tradierbare, das Gut der Epik, ist von anderer Beschaffenheit als das, was den Bestand des Romans ausmacht. Es hebt den Roman gegen alle übrigen Formen der Prosadichtung – Märchen, Sage, ja selbst Novelle – ab, daß er aus mündlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Vor allem aber gegen das Erzählen. Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören. Der Romanicer hat sich abgeschieden. Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Einen Roman schreiben heißt, in der Darstellung des menschlichen Lebens das Inkommensurable auf die Spitze treiben. Mitten in der Fülle des Lebens und durch die Darstellung dieser Fülle bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden. Das erste große Buch der Gattung, der Don Quichote, lehrt sogleich, wie die Seelengröße, die Kühnheit, die Hilfsbereitschaft eines der Edelsten – eben des Don Quichote – von Rat gänzlich verlassen sind und nicht den kleinsten Funken Weisheit enthalten. […]

VII. Lessskow ist in die Schule der Alten gegangen. Der erste Erzähler der Griechen war Herodot. Im vierzehnten Kapitel des dritten Buches seiner „Historien“ findet sich eine Geschichte, aus der sich viel lernen läßt. Sie handelt von Psammenit. Als der Ägypterkönig Psammenit von dem Perserkönig Kambyses geschlagen und gefangen genommen worden war, sah Kambyses es darauf ab, den Gefangenen zu demütigen. Er gab Befehl, Psammenit an der Straße aufzustellen, durch die sich der persische Triumphzug bewegen sollte. Und weiter richtete er es so ein, daß der Gefangene seine Tochter als Dienstmagd, die mit dem Krug zum Brunnen ging, vorbeikommen sah. Wie alle Ägypter über dieses Schauspiel klagten und jammerten, stand Psammenit allein wortlos und unbeweglich, die Augen auf den Boden geheftet; und als er bald darauf seinen Sohn sah, der zur Hinrichtung im Zuge mitgeführt wurde, blieb er gleichfalls unbewegt. Als er danach aber einen von seinen Dienern, einen alten, verarmten Mann, in den Reihen der Gefangenen erkannte, da schlug er mit den Fäusten an seinen Kopf und gab alle Zeichen der tiefsten Trauer. Aus dieser Geschichte ist zu ersehen, wie es mit der wahren Erzählung steht. Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, in dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick, sie muß sich gänzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren sich ihm erklären. Anders die Erzählung; sie verausgabt sich nicht. Sie bewahrt ihre Kraft gesammelt und ist noch nach langer Zeit der Entfaltung fähig. So ist Montaigne auf die vom Ägypterkönig zurückgekommen und hat sich gefragt: warum klagt er erst beim Anblick des Dieners? Montaigne antwortet: „Da er von Trauer schon übervoll war, brauchte es nur den kleinsten Zuwachs, und sie brach ihre Dämme nieder.“ So Montaigne. Man könnte aber auch sagen: „Den König rührt nicht das Schicksal der Königlichen, denn es ist sein eigenes.“ Oder: „Uns rührt auf der Bühne vieles, was uns im Leben nicht rührt; dieser Diener ist nur ein Schauspieler für den König.“ Oder: „Großer Schmerz staut sich und kommt erst mit der Entspannung zum Durchbruch. Der Anblick dieses Dieners war die Entspannung.“ – Herodot erklärt nichts. Sein Bericht ist der trockenste. Darum ist diese Geschichte aus dem alten Ägypten nach Jahrtausenden noch imstande, Staunen und Nachdenken zu erregen. Sie ähnelt den Samenkörnern, die jahrtausendelang luftdicht verschlossen in den Kammern der Pyramiden gelegen und ihre Keimkraft bis auf den heutigen Tag bewahrt haben.

In: Walter Benjamin: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt/M. 1977, S. 385-410.

Zum 70. Todestag von Hans Fallada – Im Rausch des Schreibens

Die szenische Dokumentation über den Trinker, den Familienvater, den Morphinisten, den gefeierten Autor und den mehrfachen Gefängnisinsassen Hans Fallada. Mit Fokus auf seine literarische Schaffensperiode zwischen 1931 und 1946 werden Falladas Leben und Werk, zwischen politischen Zwängen und den Fallstricken seiner eigenen Psyche, beleuchtet.

https://www.youtube.com/watch?v=1xmNljaIBUQ&t=3s